Das sagt der NDR zur Kritik am “Tag der Norddeutschen”

Zur Vollständigkeit:

Die offizielle Stellungnahme des NDR Fernsehens:

Der NDR ist ein Sender für a l l e Menschen, primär in Norddeutschland“, heißt es in der vom NDR unterschriebenen und vom iMiR zitierten „Charta der Vielfalt“. Genau das bildet der NDR auch in seinem „Tag der Norddeutschen“ am Sonnabend, 10. November, im NDR Fernsehen ab. Mindestens zwölf der insgesamt 121 für den Tag begleiteten Menschen haben einen Migrationshintergrund – sei es, dass sie oder ihre Eltern türkische Wurzeln haben wie Bäcker Riza Torsun, dänische wie Gesangslehrerin Lene Krämer, polnische wie Burlesque-Tänzerin Eve Champagne oder italienische wie KFZ-Mechaniker Luciano Favaron. Moderator Hinnerk Baumgarten, der den Tag im NDR Fernsehen live begleitet, empfängt im Studio Gäste wie Oceana, die den Song zum „Tag der Norddeutschen“ singt, und Mousse T., der den Soundtrack für das TV-Ereignis komponiert hat – beide repräsentieren den „Tag der Norddeutschen“, und auch diese beiden haben einen Migrationshintergrund. Und werden im Studio über sich als Norddeutsche sprechen. Die Kritik, die das Institut für Migrations- und Rassismusforschung an der Auswahl der Mitwirkenden trifft, können wir nicht nachvollziehen. „Der Tag der Norddeutschen“ zeigt Menschen mit vielfältigen Hintergründen, die sich für die Teilnahme beworben hatten und zur Hälfte von Zuschauern, Hörern und Usern ausgewählt wurden. Die Dokumentation erhebt nicht den Anspruch, eine vollständig repräsentative demographische Abbildung der in Norddeutschland lebenden Berufs- und Altersgruppen, der Geschlechter oder z. B. der regionalen Verteilung zu sein.  

Quelle: NDR Presse und Information

Der Tag der (deutschen) Norddeutschen

„Wie lebt und liebt, wie lacht und weint, wie arbeitet und feiert man im Norden?“

Am 10. November hat das NDR Fernsehen einen 18-stündigen Doku-Marathon ausgestrahlt, der die Lebensgeschichten von 121 Norddeutschen zeigte. Nach eigener Angabe wollte das NDR in dieser „größte[n] Doku des Nordens“ durch die Vorstellung der 121 Protagonisten einen hautnahen Einblick in den Alltag der Norddeutschen geben – ein typisches Porträt Norddeutschlands erstellen. Zusätzlich wurde dieses „außergewöhnliche Medienereignis“ durch einen interaktiven Livestream begleitet, der Usern die Möglichkeit bot sich einzumischen, mitzufühlen und live zu kommentieren.

Die Resonanz der 26 User-Kommentare auf der offiziellen NDR-Website ist bis auf eine bescheidene Kritik durchweg positiv ausgefallen. Vor allem auf Facebook sind hunderte Loblieder auf der Fanpage des NDR zu finden. So schreibt Torben Brandt „Endlich werden mal die täglichen Helden beziehungsweise die ‚Normalos‘ gezeigt“. Diana Stapelfeldt freut sich „Mein Abend ist gerettet. Nah dran am Leben, am Menschen, an den Geschichten des Alltags hier im Norden. Super!“ und Christopher Schwoch ist begeistert „die Heimat aus so vielen Blickwinkeln zu sehen“.

Nur die Userin Elbperle bemängelt „[s]tatt der ganzen Promis hätte ich lieber Einblick in das Leben einer Putzfrau aus Afrika, eines Dönerbudenbesitzers, et cetera – auch das ist Norddeutschland.“

Genau diese Unterrepräsentation von Norddeutschen mit Migrationshintergrund wird in einem offenen Brief an den NDR kritisiert. Unter der Verantwortung von Dr. Andreas Hieronymus, dem Leiter des Instituts für Migrations- und Rassismusforschung (iMiR), melden sich 12 Menschen durch ihre Unterschrift zu Wort, die von der NDR-Reportage enttäuscht sind:

„Ihr schafft es, unter 121 Menschen, die ihr uns vorstellt, (mit Ausnahme eines Bremer Bäckers, eines Hannoveraner Musikers und eines Hamburger Kaffeeverkäufers aus der Karibik (‚eine Frohnatur aus Barbardos‘ [NDR-O-Ton]) nicht eine Person mit erkennbar außer-europäischen Migrationshintergrund zu zeigen. Das muss man erst mal schaffen!“

Des Weiteren wird in dem offenen Brief darauf hingewiesen, dass „etwa jeder fünfte in Norddeutschland einen Migrationshintergrund hat“, sprich 20 Prozent aller Norddeutschen! Demnach wäre es also angemessen gewesen, wenn von den 121 vorgestellten Protagonisten etwa 24 Menschen mit Migrationshintergrund gezeigt worden wären. Oder dass von den 18 Stunden Sendezeit 20 Prozent, das heißt knapp vier Stunden lang, norddeutsche Migrantinnen und Migranten hätten präsentiert werden sollen.

Dabei hätte die Doku sogar der Kritik der Userin Elbperle gerecht werden können, die wenig Interesse an den Porträts der deutschen Promis fand. Denn die norddeutschen Promis mit Migrationshintergrund wurden völlig außer Acht gelassen. So erinnern die Verfasser des offenen Briefes an den Schriftsteller Feridun Zaimoglu oder den türkisch-stämmigen, vielfach ausgezeichneten Regisseur Fatih Akin, die es leider nicht in die Reportage schafften.

Die Verfasser des Briefes verweisen weiter auf die ‚Charta der Vielfalt‘, die vom NDR unterzeichnet wurde. Durch die Unterschrift habe das NDR Fernsehen sich eigentlich dazu verpflichtet „‚die ethnische und kulturelle Vielfalt der Gesellschaft‘ in den NDR Programmangeboten stärker [abzubilden]“. Darüber hinaus solle der NDR seine Provinzialität überwinden und mehr dem Vorbild des Senders BBC folgen, welcher seit Jahrzehnten an einem „‚öffentlich-rechtlichem‘ Rundfunk in einer offenen Gesellschaft“ arbeite.

Die Kritik wird noch konkreter, wenn die Verfasser des Briefes die Überrepräsentation der nicht-migrierten Norddeutschen auf die Zusammensetzung des Rundfunkrats des NDR zurückführen – „dort ‚repräsentieren 58 Frauen und Männer die norddeutsche Öffentlichkeit‘ (O-Ton NDR), von denen nur eine einzige Person erkennbar Migrationshintergrund hat“.

Auf der anderen Seite zeigen Hunderte positive Kommentare auf Facebook und der NDR-Website, dass den ca. 80 Prozent der Zuschauer ohne Migrationshintergrund (wenn man davon ausgeht, dass jeder fünfte norddeutsche Zuschauer einen Migrationshintergrund hat) nicht aufgefallen ist, dass ein Teil von Norddeutschland nicht genügend vorgestellt wurde. Diese 80 Prozent der Norddeutschen empfanden die Reportage als „gelungen“ und „preisverdächtig“.

Mit 8,5 Prozent Marktanteil und teilweise 710.000 Zuschauern hat das NDR Fernsehen die Chance verpasst, durch eine angemessene Repräsentation der norddeutschen Einwohner mit Migrationshintergrund ein offenes, multikulturelles Gesellschaftsbild zu fördern. So war es eine 18-stündige Unterrepräsentation, die gerade dann kritisch betrachtet werden kann, wenn man bedenkt, dass im deutschen Fernsehen tendenziell dann „Ausländer“ überrepräsentiert werden, wenn es um Themen wie ‚Kriminalität‘, ‚Gewalt‘ oder ‚Arbeitslosigkeit‘ geht.

Der offene Brief des iMiR wurde u.a. auf den Portalen newsroom.de oder faz.de kommentiert, der NDR hat auf seiner Website jedoch keine öffentliche Stellung zu der Kritik genommen. Auch die aktuelle Pressemitteilung des NDR spiegelt nur das positive Feedback der Zuschauer und User. Dort heißt es, man sei begeistert von der positiven Resonanz und dem Erfolg des Medienereignisses. Auf Anfrage habe ich jedoch sofort die offizielle Stellungnahme des NDR zum offenen Brief des iMiR erhalten. Darin sieht der NDR die Kritik nicht gerechtfertigt und betont:

 „Mindestens zwölf der insgesamt 121 für den Tag begleiteten Menschen haben einen Migrationshintergrund – sei es, dass sie oder ihre Eltern türkische Wurzeln haben wie Bäcker Riza Torsun, dänische wie Gesangslehrerin Lene Krämer, polnische wie Burlesque-Tänzerin Eve Champagne oder italienische wie KFZ-Mechaniker Luciano Favaron.“ Des Weiteren haben Sängerin Oceana, die den Song zum „Tag der Norddeutschen“ singt, und Mousse T., der den Soundtrack für das TV-Ereignis komponiert hat, beide einen Migrationshintergrund.

Weiter verweist der NDR darauf, dass Menschen mit vielfältigen Hintergründen gezeigt wurden, die sich für die Teilnahme beworben hatten und dass die Protagonisten zur Hälfte von Zuschauern, Hörern und Usern ausgewählt wurden. In diesem Sinne übergibt das NDR Fernsehen einen Teil der Verantwortung an seine Zuschauer – die wiederum „begeistert“ waren vom „spannende[n] Fernsehabend“, wie man auf Facebook lesen kann.

Gerade ein so positives und viel gesehenes Fernseh-Ereignis, das verspricht hautnah zu zeigen wie man im Norden lebt, liebt, lacht, weint, arbeitet und feiert hätte durch die richtige Präsentation des Gesellschaftsspiegels Norddeutschlands einen großen Schritt in Richtung  offener, integrationsfördernder Berichterstattung vorlegen können. Das NDR Fernsehen nimmt diese Gelegenheit leider nicht wahr, da es in der Stellungnahme ferner heißt:

„Die Dokumentation erhebt nicht den Anspruch, eine vollständig repräsentative demographische Abbildung der in Norddeutschland lebenden Berufs- und Altersgruppen, der Geschlechter oder z. B. der regionalen Verteilung zu sein.“

kch 

Weitere Diskussion und Anregungen zu diesem Kommentar gibt es im Migazin!

(Quelle: ndr.de)

Eine Plakat-Aktion für mehr Zivilcourage in Bussen und Bahnen in NRW geht provokativ gegen Gewalt in öffentlichen Verkehrsmitteln vor – dazu wird auf gängige Klischees zurückgegriffen.
Den kompletten Beitrag gibt es in unserer monatlichen Kolumne im MiGAZIN:
Gefährliches Spiel mit Stereotypen
kch

Eine Plakat-Aktion für mehr Zivilcourage in Bussen und Bahnen in NRW geht provokativ gegen Gewalt in öffentlichen Verkehrsmitteln vor – dazu wird auf gängige Klischees zurückgegriffen.

Den kompletten Beitrag gibt es in unserer monatlichen Kolumne im MiGAZIN:

Gefährliches Spiel mit Stereotypen

kch

Deutschlands schönste Türkinnen

Unter dem Titel “So leben Deutschlands schönste Türkinnen” erschien auf bild.de ein sehr kurzgefasster Beitrag über die Wahl der Miss Turkuaz. 

Der Untertitel verspricht: “In Bild erklären die Frauen, was Integration für sie bedeutet”.

Also was bedeutet Integration für Deutschlands schönste Türkinnen? - Ich weiß es nicht. Denn der sehr kurzgefasste Beitrag stellt die drei schönen jungen Frau lediglich oberflächlich vor. Zwar erfährt man dass eine Kandidatin gegen Kopftuchzwang ist, dass “gerade die Älteren in der Türkei [viel moderner sind] als man hier zulande denkt” oder dass die neue Generation von Deutschtürkinnen für Toleranz kämpft… 

Dominiert wird der Beitrag jedoch dadurch, dass jedes Mädchen einmal in Abendgarderobe und einmal in Bikini vorgestellt wird.

Man sollte bild.de keinen Vorwurf machen, bei einem Artikel über eine Miss-Wahl den Fokus auf die Kandidatinnen zu legen, jedoch sollte nur weil es sich bei den Teilnehmerinnen um Deutschtürkinnen handelt kein Beitrag über Integration versprochen werden. Vielmehr scheint es hier so, also wäre dem Wort “Türkin” das Thema “Integration” dazu assoziiert worden.

kch

(Quelle: bild.de)

Auf die Sprache kommt es an

Ein neues Blog - SpeechAct - eines Germanistik-Dozenten verspricht regelmäßig moderne linguistische Untersuchungsansätze zu medial-sprachlichen Problemen, die alle angehen.

Besonders interessant für unseren Kontext ist dabei die Rubrik “Migranten”, in der bis jetzt ein offener Brief an das Innenministerium veröffentlicht wurde.

In diesem beschwert der Autor sich über im Spiegel veröffentlichte Plakate junger Migrantinnen und Migranten, die eigentlich auf “eine drohende Radikalisierung türkischer Migranten” hinweisen sollen. 

Diese Plakate fördern jedoch die Bildung von fremdenfeindlichen Stereotypen, da zu den Bildern von “muslimisch” aussehenden Jugendlichen (markiert etwa durch das Tragen eines Kopftuches, dunkler Haare, Haut oder Augen), Attribute wie “Angst”, “radikal” oder “religiöse Fanatiker und Terrorgruppen” zu finden sind.

Der Autor fordert in diesem Kontext das Innenministerium auf, die Plakatierung abzubrechen und sich öffentlich bei türkisch-arabisch-stämmigen Mitbürgern zu entschuldigen.

Ein Lob an das neue Blog, die Courage und das Engagement des Autoren.

kch

(Quelle: speechact.friedemann-vogel.de)

Im Westen nichts neues

Nicht zum ersten Mal veröffentlicht das Nachrichtenportal derwesten.de einen Artikel, in dem „die Türken“ nicht gut wegkommen.

Bereits im Mai erschein ein Beitrag zum Thema „Zivilcourage“, in dem ein vom Journalisten nicht weiter kommentiertes Zitat den Leser dazu verleitet anzunehmen, dass türkische Jugendliche eine potenzielle Gefahr darstellen würden:

”‘Am Dienstag haben zwei junge Männer – ich glaube, es waren Türken – in meinem Hauseingang geraucht. Ich habe sie freundlich gebeten, das zu unterlassen. Einer der Männer sagte daraufhin frech, dass er das dürfe, weil er hier wohne. Das stimmt aber nicht. Schließlich bin ich die Vermieterin der Wohnungen hier im Haus, ich kenne meine Mieter.’ Petra B. hakte nicht nach, aus Furcht.”

In diesem Artikel hätte der Journalist die Aussage der Geschäftsfrau entschärfen müssen. Auch wenn es sich um ein Zitat handelt, hätte die Angst vor den Türken implizit nicht ohne weitere Erläuterung oder Stellungnahme stehen gelassen werden dürfen. Der paraphrasierte Zusatz, dass die Vermieterin aus Furcht nicht weiter nachfragte, gibt Grund zu der Annahme, dass der Journalist der gleichen Meinung ist. So hat der Artikel eine negativ-konnotierte Tonalität gegenüber “Türken”, die durch die journalistische Arbeit hätte vermieden werden können.

Alte Gewohnheiten

In einem neu veröffentlichten Artikel vom 31. Juli findet sich ein ähnliches Muster. In dem Beitrag geht es um einen Prozess, in dem geprüft werden soll, ob der Verdächtige in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen werden muss. Die Schilderung der Geschichte beginnt neutral, es wird vom Verdächtigen als „der 30-jährige Gladbecker“ oder dem „Zweckeler“ erzählt. Doch mit zunehmend brutalen Details der Taten wird der Verdächtige nicht nur als „der Türke“ eingeführt, sondern auch durch explizite Augenzeugen Beschreibungen schlecht dargestellt: „Er hatte so hasserfüllte Augen“. Zusätzlich wird der Verdächtige in gebrochenem Deutsch zitiert, wodurch seine Aussage abermals negativ konnotiert wird und unglaubwürdig erscheint: „So ein Typ bin ich nicht, so mit Steine werfen und so.“ Dies ergänzend wird weiter beschrieben, dass der mutmaßliche Täter die Sonderschule nur mit einem Abgangszeugnis verlassen habe.

Die letzte, durch den Journalisten betonte, Diskriminierung verkündet, dass der 30-Jährige eine lange Drogenkarriere hinter sich habe: „Nur ‚Gras‘, also Cannabis, habe er geraucht. Wenn in den Akten etwas anderes stünde, dann liege das daran, dass er Türke sei.“ Mit diesem Konjunktiv verstärkt der Journalist ein bestehendes Klischee. Die Wortwahl lässt hier keinen Zweifel, dass der Verdächtige auch der Schuldige sein soll. Diesbezüglich ist zu beachten, dass die Auswahl der Zitate ein subjektiver Selektionsprozess des Verfassers ist.

Wie es richtig geht

Wie ein Journalist mit verallgemeinernden oder fremdenfeindlichen Aussagen umgehen sollte, lässt sich jedoch auch auf derwesten.de finden. Ebenfalls am 31. Juli ist ein Beitrag der Serie „Märkte in Marl“ erschienen, der zeigt wie es richtig geht. Hier wird die etwas unbedachte Aussage eines 65-jährigen Marktverkäufers angemessen eingebettet. Während der Verkäufer sich beklagt, „die Türken sind treue Kunden, aber sie kaufen insbesondere bei ihren Landsleuten“, kommentiert der Journalist: „Hamm ist der Stadtteil mit dem größten Ausländeranteil, doch die türkischen Mitbürger finden nicht den Zugang.“

Auffällig an diesen drei Beispielen ist, dass Artikel, die Gewalt oder Angst behandeln, offenbar eher dazu verleiten, die Tonalität des gesamten Beitrags in eine tendenziell ausländerfeindliche Spur verlaufen zu lassen, wohingegen das „Klönen und Kaufen“ auf dem Markt nicht Anlass zu den gängigen Klischees bietet. Die Bezeichnung „die Türken“ scheint jedenfalls als gängige Floskel zur Berichterstattung zu gehören.

kch

(Quelle: derwesten.de)

Der Verdächtige - der Türke?

In einem Artikel über einen anstehenden Prozess hat der Autor sich im Ton vergriffen und spricht vom agressiven Verdächtigen als “der Türke”.

Auffallend an dem Artikel ist, dass die Präsentation des mutmaßlichen Täters zunehmend abwertender wird, je mehr Details der brutalen Taten beschrieben werden. Die Nennung seiner türkischen Herkunft erfolgt mit den brutalen Einzelheiten. Zu Beginn ist ganz allgemein von dem “Gladbecker” oder “Zweckeler” die Rede, bis der Verdächtige schließlich als “der Türke” gekennzeichnet wird. Im selben Atemzug wie seine Nationalität wird auch sein agressives Verhalten, sowie sein Besuch an einer Sonderschule aufgezählt. Darüber hinaus wird der Verdächtige in gebrochenem Deutsch zitiert, wodurch der schlechte Gesamteindruck verstärkt wird: “‘So ein Typ bin ich nicht, so mit Steine werfen und so.’”

Der fatalste Fauxpas des Journalisten ist jedoch, die Aussage des 30-jährigen Verdächtigen dermaßen ungeschickt zu paraphrasieren, dass er als Angeklager unglaubhaft erscheint:

“Nur ‘Gras’, also Cannabis, habe er geraucht. Wenn in den Akten etwas anderes stünde, dann liege das daran, dass er Türke sei.”

Dieser Beitrag bedient sich hauptsächlich an gängigen Klischees, die keinen Zweifel daran lassen, dass der Verdächtige auch der Schuldige sein soll.

kch

(Quelle: derwesten.de)

Fakten gegen Vorurteile

Betrachtet man allgemein die Berichterstattung deutscher Medien über Menschen mit Migrationshintergrund, fällt einem auf, dass negative Vorurteile gegenüber Migrantinnen und Migranten häufig unterstützt beziehungsweise erweitert werden. Umso erfreulicher ist es, wenn vor allem renommierte Medien Gegenbeispiele liefern, welche einen Beitrag dazu leisten, das Bild, das viele Deutsche von Menschen mit Migrationshintergrund haben, zu verbessern. Ein solches Gegenbeispiel lieferte Spiegel Online mit einer Nachricht zum aktuellsten Integrationsbericht der Bundesregierung. Laut dieses Berichts kommen Kinder aus Migrantenfamilien immer besser mit dem deutschen Schulsystem zurecht, so dass mittlerweile jeder zehnte Schüler mit ausländischen Wurzeln das Abitur macht.

Spiegel Online geht mit dieser Berichterstattung gegen ein Vorurteil vor, welches seit langem in den Köpfen vieler Deutscher verankert ist: Menschen mit Migrationshintergrund hätten aufgrund ihrer andersartigen Kultur und ihrer mangelnden Bereitschaft, sich in die deutsche Gesellschaft einzufügen, weniger Chancen hinsichtlich ihrer Schullaufbahn und ihres beruflichen Werdegangs.

Durch die Berichterstattung vieler Medien wurde beziehungsweise wird dieses Bild seit vielen Jahren aufrechterhalten, weil immer wieder Darstellungen veröffentlicht werden, die dieses Klischee offen oder in abgewandelter Form anbieten. Der beste Weg, um gegen derartig fest etablierte Vorurteile vorzugehen, ist offenbar die Konfrontation mit Fakten. Durch den Bezug auf den Integrationsbericht der Bundesregierung, schafft Spiegel Online also eine Gegenstimme, die keinen Widerspruch erlaubt, denn einer so offiziellen Statistik wird in der Regel Glauben geschenkt. Auch wenn dieser Glauben in
vielen Fällen mit Überraschung einhergehen wird, können Artikel wie diese nur als Schritt in die richtige Richtung gewertet werden, da nur eine derartige Aufklärung dafür sorgen kann, dass eben diese eines Tages überflüssig sein wird.

fb

(Quelle: spiegel.de)

Die bulgarische Prostituierte

In dem Artikel der Halterner Zeitung geht es um einen 26-Jährigen, der zwei Monate nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis abermals eine Gewalttat verübt hat. Sein Opfer, eine Prostituierte, überlebte zwar die Tat, ist jedoch seither ein Pflegefall und wird dies auch bleiben. Der Täter wurde zu zehn Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt.

Auch wenn dem Opfer einige Zeilen des Artikels gewidmet sind, so ist nicht ersichtlich, weshalb dessen bulgarische Herkunft genannt werden muss (und dies auch noch zweimal). Inhaltlichen Wert hat die Erwähnung nicht. Vielmehr trägt sie zur Festigung von Stereotypen bezüglich nationaler Herkunft und Beschäftigung in Deutschland bei. Umso schlimmer erscheint die Erwähnung, als sich unmittelbar neben dem Artikel ein weiterer befindet, der die Wörter „Rotlicht“ und „Bordell“ im Titel führt und von kriminellen Machenschaften Düsseldorfer Bordelle berichtet. So wird die bulgarische Herkunft nicht nur mit Prostitution in Verbindung gebracht, sondern über den Umweg auch noch mit Kriminalität.

hm

(Quelle: „Richter: Müssen Gesellschaft schützen – 26-Jähriger zu Haftstrafe und Sicherungsverwahrung verurteilt / Prostituierte brutal verletzt“, in: Halterner Zeitung, 11.Juli 2012)

Beschneidung bald verboten?

Nach dem Urteil des Kölner Landgerichts, welches die religiös motivierte Beschneidung von Jungen für Körperverletzung befand, macht sich nicht nur deutschland-, sondern europaweit Protest unter jüdischen und muslimischen Gemeinschaften breit. Sollte dies der erste Schritt zum gesetzlichen Verbot ihrer Tradition sein, liege ein Fall von Diskriminierung vor. Über eine Zukunft in Deutschland müssten sich viele Mitglieder der betroffenen Gemeinschaften noch einmal ernsthaft Gedanken machen.

Ein Lob kann man dem Uni-Spiegel online für seine differenzierte Darstellung der Debatte aussprechen. Keine Partei wird explizit unterstützt; das (aus christlicher Sicht gefällte) Urteil des Landesgerichts wird stark relativiert, indem die Autoren des Artikels einen tieferen Einblick in die Tradition der Beschneidung und deren Wahrnehmung durch drei (jüdische und muslimische) in Deutschland lebende Männer gewähren. Diese erzählen aus ganz persönlicher Sicht von selbst gemachten Erfahrungen. Wie sollte man als Außenstehender besser wissen, was Menschen dieser Religionen zu tun und zu lassen haben? Das Signal ist deutlich: Es gilt, andere Kulturen erst zu verstehen, bevor man sie blind verurteilt… Auch die Auswahl der Interviewten scheinen die Autoren des Spiegels mit Bedacht vorgenommen zu haben: Als studierte/studierende Männer ‘passen’ sie nicht in Stereotypen wie die vom ‘ungebildeten Unterschicht-Migranten’.

am

(Quelle: spiegel.de)

Bananen und das Recht der Satire

Vor einigen Tagen berichtete die BILD-Zeitung über eine satirisch-rassistische Attacke auf den italienischen Fußballspieler Mario Balotelli. Dieser war von einer italienischen Sportzeitschrift aufgrund seiner äußeren Erscheinung mittels einer Karikatur mit King Kong verglichen worden. Zuvor war es auch schon vorgekommen, dass er bei Spielen ausgebuht oder mit Bananen beworfen wurde. Die Sportzeitschrift selbst gab an, gegen alles Rassistische zu sein, war jedoch bisher nicht bereit, sich zu entschuldigen.

Auch wenn der Artikel der BILD in diesem Fall durch und durch von Empörung durchzogen ist, ist es auffällig, dass die virtuelle Umgebung, in der er steht, deutlich weniger Unverständnis für solch eine Karikatur zeigt. Gleich neben dem Artikel findet sich eine Fotostrecke zu Balotelli, die mit einem Bild beginnt, unter dem in einem Zitat zu lesen ist, dass es bewundernswert sei, dass Balotelli mehr als eine Gehirnzelle habe. Außerdem sind direkt unter dem Artikel einige anzügliche Fotografien von Balotellis Exfreundin abgebildet. Bei einem derartigen Rahmen fällt es schwer zu glauben, dass das Rassismusproblem in diesem Fall ernst genommen beziehungsweise ernsthaft kritisiert wird. In einem Leserkommentar unter dem Beitrag wird angemerkt, dass so eine Karikatur ebenfalls gut zur BILD-Zeitung passen könnte.

fb

(Quelle: bild.de)

Uni-Ungleichgewicht

Spiegel-Online veröffentlichte vor zwei Tagen ein Interview mit Cem Özdemir, dem Chef der Grünen. In diesem Gespräch gibt Özdemir zu bedenken, dass es im Bildungswesen ein großes Ungleichgewicht zwischen Einheimischen und Migranten gibt. Dieser sei auf den reproduzierten Status der jeweiligen Eltern zurückzuführen. Migrantenkinder sieht er dabei mit einer ähnlich schlechten Situation konfrontiert wie Arbeiterkinder. An deutschen Universitäten könne dieses Problem am besten gelöst werden, indem mehr Studienplätze zur Verfügung gestellt werden.

Allgemein gesehen ist es durchaus positiv, wenn so oft wie möglich auf derartige Missstände aufmerksam gemacht wird, allerdings vermittelt dieses Interview dennoch einen eher oberflächlichen Eindruck, da die Situation verschiedener benachteiligter Gruppen nahezu gleich betrachtet wird. Ob es nun um Frauen, Migranten oder Arbeiterkinder geht, das Problem wird bei allen Gruppen als nahezu identisch dargestellt. Um derartigen Ungerechtigkeiten entgegenwirken zu können, sollten die separat und in all ihren Einzelheiten betrachtet werden. Dabei werden also auch der allgemein formulierte Vorschlag, mehr Studienplätze zu schaffen bzw. der Verweis auf bisherige Erfolge nicht wesentlich hilfreich sein.

fb

(Quelle: spiegel.de)

Kein Bruch mit Klischees

Dass eine entsprechende Medienberichterstattung die Stigmatisierung bestimmter gesellschaftlicher Gruppen befeuern kann ist nichts Neues und anhand diverser Beispiele aus einschlägigen Boulevardmedien konnte hier des Öfteren gezeigt werden, dass sich viele Journalisten nicht bemühen, eine negativ gefärbte Tonalität im Hinblick auf Migranten zu vermeiden.

Ein neues Beispiel hierfür ist ein Artikel der B.Z., in dem es um einen Streit mit tödlichem Ausgang im Berliner Bezirk Neukölln geht. An mehreren Stellen wird in diesem Artikel die Herkunft der am Geschehen Beteiligten hervorgehoben. So wird zum Beispiel geschrieben: „Im Mittelpunkt stand Fatih, ein türkischer Junge, sagt uns der Cousin.“ Und an anderer Stelle: „Dann erst hätten sich die deutschen Männer in den Streit eingemischt, um zu schlichten.“ Auffällig ist hier nicht nur die Stigmatisierung der Beteiligten mit Migrationshintergrund, sondern auch, dass die „deutschen Männer“ geradezu positiv hervorgehoben werden. Dadurch wird dem Leser eine bestimmte Sichtweise der Dinge nahegelegt, die ein Schubladendenken fördert und nicht mit Klischees brechen will. 

ms

(Quelle: bz-berlin.de)

Nicht erwähnenswerte Parade

Am Sonntag berichtete die BILD-Zeitung über die “Parade der Kulturen”, die am Samstag durch Frankfurt zog. Über 1600 Menschen aus 100 Kulturen zogen im Rahmen dieser Parade durch die Stadt und versuchten, den Zuschauern die jeweiligen Eigenheiten ihrer Kultur näher zu bringen. Die Parade sollte sich dabei gegen Rassismus und Ausgrenzung wenden.

Bemerkenswert ist bei der Berichterstattung, dass der Artikel nur sechs Zeilen umfasst und inhaltlich nicht ins Detail geht. Dies legt die Vermutung nahe, dass das Thema nicht interessant genug ist, um auf Einzelheiten einzugehen. Die Thematik enthält weder Konflikte noch Skandale und bietet daher kaum Potenzial, um sich über sie aufzuregen. Der Sinn und die Botschaft dieser Parade sind wichtig und unterstützen die Bemühungen von Menschen, die sich gegen Rassismus und negative Einstellungen gegenüber Migration und Integration richten. Sollte derartigen Themen nicht mehr mediale Aufmerksamkeit geschenkt werden, damit denjenigen, die die Artikel lesen, ihre Bedeutung bewusst wird?

fb

(Quelle: bild.de)

Fremdenfeindlichkeit in der Mitte der Gesellschaft

Ein äußerst positives Beispiel, wie über Migration und verwandte Themen geschrieben werden kann, ist die Frühjahrsausgabe des Fluter (Thema: Nazis). Das Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung geht erwartungsgemäß vorbildlich mit der Thematik um und leistet noch mehr, indem es viele interessante Informationen im Rahmen lesenswerter Artikel und Interviews mitliefert.

Bemerkenswert ist im Hinblick auf unseren Blog vor allem das Gespräch mit Dr. Oliver Decker. In diesem wird klar, dass rechtsextreme Einstellungen kein Phänomen sind, welches sich nur am Rand der Gesellschaft abspielt. So vertreten 31,7 aller Deutschen mehr oder minder die Meinung, dass es sinnvoll wäre, Migranten bei Arbeitsplatzmangel wieder in ihre Heimat zurück zu schicken. Jeder Zehnte denkt, dass die Zeit des Nationalsozialismus´ auch seine guten Seiten hatte. Erschreckende Haltungen, die es zurückzudrängen gilt. Ein Mittel wäre hier der Verzicht der Anprangerung durch Boulevardmedien wie der Bildzeitung im Sinne einer demokratischen Gesellschaft, so Decker.

Mehr zum Thema findet sich auf der Homepage zum Heft, ein Klick lohnt sich!

http://www.fluter.de/de/109/thema/

ms